Polyurie - Ursachen, Symptome und Behandlung

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Unter einer Polyurie verstehen Fachleute eine übermäßige Urinausscheidung von mehr als 2,5 Litern pro Tag. Zu den Ursachen zählen unter anderem hormonelle Störungen, Nierenerkrankungen oder eine erhöhte Aufnahme von Flüssigkeit aufgrund gesteigerten Durstempfindens. Die Diagnose erfolgt durch Blut- und Urinuntersuchungen und bei Bedarf durch bildgebende Verfahren. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und umfasst die Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung, die Einnahme von Medikamenten sowie bei Bedarf eine Ernährungsumstellung.

Eine Polyurie bezeichnet eine übermäßige Harnausscheidung mit mehr als 2,5 Litern Urin pro Tag (24 Stunden). Eine individuelle Betrachtung bezieht das Alter und Körpergewicht mit ein und definiert die Polyurie für Heranwachsende und Erwachsene ab einer Menge von mehr als 40 bis 50 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Für Kleinkinder gilt eine Menge von mehr als 100 bis 120 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag als eine übermäßige Harnausscheidung. Alternativ kann die Urinausscheidung bei Kindern nach Körperoberfläche bewertet werden – mehr als 2.000 ml/m²/24 h gelten als Polyurie
Welche Ursachen können hinter einer Polyurie stecken?
Die übermäßige Ausscheidung von Urin kann durch verschiedene Mechanismen ausgelöst werden, die wiederum auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Dazu zählen:
- Gesteigerter Flüssigkeitskonsum bedingt durch ein erhöhtes Durstgefühl oder psychische Erkrankungen ohne Störung im Wasserhaushalt
- Hormonstörungen des antidiuretischen Hormons (ADH)
- Osmotische Diurese, bei der viele gelöste Substanzen wie Zucker oder Salz im Urin vorkommen, die dazu führen, dass der Körper mehr Flüssigkeit ausscheidet
- Einnahme bestimmter Diabetes-Medikamente wie SGLT-2-Hemmer, die eine vermehrte Ausscheidung von Glukose über den Urin und damit eine osmotische Diurese verursachen.
ADH ist ein Hormon, welches den Wasserhaushalt im Körper reguliert. Es wird in bestimmten Bereichen des Gehirns (Hypothalamus) gebildet, in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) gespeichert und bei Bedarf freigesetzt. Dies geschieht, wenn das Blutvolumen abnimmt oder das Blut mehr gelöste Teilchen wie Salz oder Zucker enthält, die Blutosmolalität also zunimmt. ADH bewirkt eine Zurückhaltung von Wasser, indem es die Harnproduktion bremst mit der Folge, dass das Blutvolumen steigt und die Osmolalität des Blutes sinkt.
Liegt eine Störung in der ADH-Produktion beziehungsweise Freisetzung im Gehirn oder der ADH-Wirkung in den Nieren vor, so hat dies Einfluss auf das Durstgefühl und die Menge an Urin, die pro Tag ausgeschieden wird. Diese Stoffwechselerkrankung, bekannt als Diabetes insipidus, kann mit einem sehr starken Durstempfinden und bis zu 20 Liter Flüssigkeitsaufnahme pro Tag einhergehen. Zur klareren Abgrenzung vom Diabetes mellitus wird diese Erkrankung zunehmend als Arginin-Vasopressin-Defizienz (AVP-D) bezeichnet. Die Gründe für eine verminderte ADH-Produktion oder -Freisetzung (zentraler Diabetes insipidus) sind häufig nicht bekannt. In einigen Fällen wird die Erkrankung vererbt oder entsteht durch Schäden am Gehirn, etwa durch Verletzungen oder Entzündungen. Auch Alkohol und Koffein können vorübergehend zu einer verminderten ADH-Freisetzung führen.
Eine verminderte ADH-Wirkung (renaler Diabetes insipidus) in den Nieren kann verschiedene Ursachen haben. Dazu zählen unter anderem:
- Nierenerkrankungen
- Elektrolytstörungen (sehr hohe Kalziumwerte oder niedrige Kaliumwerte im Blut)
- Einnahme von Medikamenten wie Lithium und Cisplatin
- Amyloidose, eine Erkrankung mit Eiweiß-Ablagerungen und nachfolgenden Organschäden
- Sjögren-Syndrom, eine Erkrankung, bei der sich der Körper unter anderem gegen eigene Speichel- und Tränendrüsen sowie andere Organe richtet
- Vererbung
Darüber hinaus kann ein vorübergehender renaler Diabetes insipidus durch eine Schwangerschaft oder einen Harnstau entstehen.
Bei der osmotischen Diurese befinden sich vermehrt gelöste Substanzen wie Zucker oder Salz im Urin. Diese ziehen aufgrund physikalischer Effekte Wasser an sich und erhöhen somit die Harnmenge. Die häufigste Ursache dafür ist eine Störung im Zuckerhaushalt (Diabetes mellitus) mit erhöhten Zuckerwerten im Urin. Auch die Einnahme von Medikamenten, die die Ausscheidung von Glukose im Urin fördern (SGLT-2-Inhibitoren), können zu einer osmotischen Diurese führen. Zudem sind häufig eine hohe Kochsalzaufnahme oder ein übermäßiges Essverhalten (Hyperalimentation) ursächlich.
Darüber hinaus können eine eingeschränkte Nierenfunktion (Niereninsuffizienz) und ein akutes Nierenversagen eine Polyurie verursachen.
Wann ärztlichen Rat einholen bei einer Polyurie?
Die Ausscheidung anhaltend großer Urinmengen kann ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Erkrankung sein und sollte medizinisch abgeklärt werden. Bei folgenden Punkten ist es wichtig, ärztlichen Rat einzuholen:
- Deutliche Zunahme der Urinmenge
- Gehäuft nächtliches Wasserlassen, insbesondere wenn mehr als ein Drittel der gesamten Urinmenge nachts ausgeschieden wird
- Starker Durst
- Wenn Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Nierenerkrankungen bestehen
Eine übermäßige Harnausscheidung kann unterschiedliche Ursachen haben, die harmlos oder behandlungsbedürftig sein können. Eine ärztliche Untersuchung hilft, mögliche Erkrankungen zu erkennen und geeignete Behandlungen zu finden.
Wie sehen Diagnostik und Therapie bei einer Polyurie aus?
In der hausärztlichen Praxis erfasst das ärztliche Gegenüber zunächst in einem Anamnesegespräch die Art und Dauer der Beschwerden. Anschließend erfolgt meist eine Blutentnahme, die unter anderem Aufschluss über den Blutzuckerspiegel, die Konzentration gelöster Substanzen und die Nierenwerte gibt. Ergänzend kann eine Urinprobe Hinweise auf mögliche Störungen wie eine osmotische Diurese liefern.
Falls erforderlich, kann eine mehrtägige Dokumentation der Trink- und Urinmenge helfen, die Situation besser einzuschätzen. Auch eine Messung der über 24 Stunden ausgeschiedenen Harnmenge kann dazu beitragen, das Ausmaß einer Polyurie genauer zu bestimmen. Zudem bieten bildgebende Verfahren wie ein Ultraschall die Möglichkeit, die Nierengesundheit zu beurteilen, während eine Magnetresonanztomografie (MRT) zur Untersuchung möglicher Erkrankungen im Gehirn dient.
Zur weiteren Abklärung eines Diabetes insipidus folgt in der Regel ein Durstversuch. Dieser findet entweder zu Hause, in der ärztlichen Praxis oder in einem Krankenhaus unter Begleitung statt. Betroffene sollen dann für etwa acht bis zehn Stunden, meist über Nacht, nicht trinken. Am nächsten Morgen erfolgen eine Blutentnahme sowie eine Urinprobe. Im Anschluss dürfen die Betroffenen wieder trinken. Labormedizinische Fachkräfte untersuchen die Proben auf Marker, die Aufschluss über die zugrunde liegende Ursache geben könnten. Im Krankenhaus finden zusätzlich weitere Untersuchungen wie regelmäßige Messungen des Blutdrucks statt.
Alternativ kann der Copeptin-Test Aufschluss über einen möglichen Diabetes insipidus geben. Copeptin ist eine Eiweißverbindung und wird aus dem ADH-Vorläuferhormon gebildet. Die Menge an Copeptin ist eng mit der ADH-Konzentration verbunden. Eine Copeptin-Blutuntersuchung kann somit Aufschluss über die ADH-Menge geben und mögliche Störungen in diesem Bereich erkennen. Der Copeptin-Test (kurz nach Stimulus mit z. B. Arginin oder Hypertonie) gilt inzwischen als moderne Alternative zum klassischen Durstversuch und kann helfen, zentralen und renalen Diabetes insipidus besser zu unterscheiden.
Die Behandlung einer Polyurie richtet sich nach der Ursache. Liegt eine Grunderkrankung wie Diabetes mellitus vor, steht die Therapie dieser Erkrankung im Mittelpunkt. Bei einem übermäßigen Durstgefühl bedingt durch eine psychische Erkrankung kann eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung notwendig sein.
Bei einem zentralen Diabetes insipidus erfolgt die Therapie häufig mit dem Wirkstoff Desmopressin, einem Medikament, das die ADH-Wirkung nachahmt. Es aktiviert bestimmte Schalter in den Nieren und führt zu einer Verringerung der Urinausscheidung. Bei Betroffenen mit Arginin-Vasopressin-Defizienz (AVP-D, zentralem DI) gilt Desmopressin weiterhin als Therapie der Wahl; die Dosierung erfolgt individuell und unter ärztlicher Kontrolle. Beim renalen Diabetes insipidus kann die Kombination aus harntreibenden Arzneimitteln (Diuretika) und salzarmer Ernährung helfen. Diese Therapie bewirkt eine leichte Verringerung des Blutvolumens, wodurch der Körper mehr Wasser und Natrium zurückhält und die Urinmenge insgesamt sinkt. Zusätzlich können schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkstoffe (nicht steroidale Antirheumatika) unterstützen.
Das können Sie selbst bei einer Polyurie tun
Zunächst ist es wichtig, die Ursache abzuklären. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Urinausscheidung ungewöhnlich hoch ist, zögern Sie nicht und sprechen Sie das Thema in Ihrer ärztlichen Praxis an.
Je nach Ursache der Polyurie können Veränderungen in der Ernährung hilfreich sein. Ist ein Diabetes mellitus die Ursache, können eine angepasste Kost und regelmäßige Bewegung bereits viel zur Behandlung der Grunderkrankung beitragen. Liegt ein renaler Diabetes insipidus vor, wird häufig eine salzarme Ernährung empfohlen, um den Flüssigkeitshaushalt im Körper zu regulieren. Eine Umstellung der Lebensmittel sollte jedoch in Absprache mit einer medizinischen Fachkraft erfolgen.
Veröffentlicht am: 05.03.2026
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Quellen:
[1] Pschyrembel. Online. Polyurie. https://www.pschyrembel.de/Polyurie/K0HFN
[2] Deximed Hausarztwissen online. Polydipsie. https://deximed.de/premium/home/klinische-themen/endokrinologie-stoffwechsel/symptome/polydipsie
[3] Deximed Hausarztwissen online. Polyurie. https://deximed.de/home/klinische-themen/niere-harnwege/symptome/polyurie
[4] Deximed Hausarztwissen online. Polyurie (erhöhte Urinausscheidung). https://deximed.de/home/klinische-themen/niere-harnwege/patienteninformationen/was-kann-das-sein/urinausscheidung-erhoehte-polyurie
[5] Deximed Hausarztwissen online. Diabetes insipidus. https://deximed.de/home/klinische-themen/endokrinologie-stoffwechsel/patienteninformationen/hypophyse/diabetes-insipidus
[6] Deximed Hausarztwissen online. Amyloidose. https://deximed.de/premium/home/klinische-themen/niere-harnwege/krankheiten/nierenerkrankungen/amyloidose
[7] Deximed Hausarztwissen online. Sjögren-Syndrom. https://deximed.de/premium/home/klinische-themen/rheumatologie/krankheiten/systemische-rheumatologische-erkrankungen/sjoegren-syndrom
[8] Gelbe Liste. SGLT-2-Inhibitoren. https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffgruppen/sglt-2-inhibitoren-gliflozine
[9] Gelbe Liste. Desmopressin. https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Desmopressin_1224
[10] Springer Nature Link New insights on diagnosis and treatment of AVP deficiency https://link.springer.com/article/10.1007/s11154-023-09862-w
[11] Gelbe Liste: SGTL-2-Inhibitoren https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffgruppen/sglt-2-inhibitoren-gliflozine
[12] AWMF online S1-Leitlinie – Anti-Diuretisches Hormon (ADH)-Mangel bei Kindern und Jugendlichen https://register.awmf.org/assets/guidelines/174-020l_S1_Anti-Diuretisches-Hormon-ADH-Mangel-Kinder-Jugendliche_2024-12.pdf

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